Politische Songs und Liebeslyrik

Nora Guthrie entdeckte im Werk ihres Vaters Woody neue Facetten

Poster Guthrie, SeegerUm 1960 klopfte ein junger Mann an die Tür Woody Guthries, weil er sein Idol endlich persönlich kennenlernen wollte. Ein zehnjähriges Mädchen öffnete, musterte den leicht derangierten Besucher - und schlug die Tür zu. Ihr älterer Bruder Arlo fand den Fan schon interessanter und ließ ihn schließlich ein, obwohl die Eltern nicht daheim waren. Der Mann, der da mit geschulterter Gitarre ins Wohnzimmer der Guthries trat, war Bob Dylan, der Guthrie bis heute als seinen Lehrmeister betrachtet.

Nora Guthrie findet die Begegnung bis heute amüsant: "Ich hätte die Geschichte ändern können", scherzt sie bei unserem Gespräch. Heute arbeitet sie daran, das Werk ihres Vaters der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das klingt zunächst seltsam bei jemandem, der - posthum - in die "Nashville Songwriters' Hall of Fame" und die "Rock 'n' Roll Hall of Fame" aufgenommen wurde. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass es nur wenige Songs sind, die immer wieder in Konzerten und auf Tonträgern auftauchen. Dazu gehören die kritisch-patriotischen Lieder "This Land is your Land" und "Pastures of Plenty", dazu "Hard Travelin'", "Bound for Glory", "Car, Car", "The Reuben James" und ein paar andere.

Im Bewusstsein vieler sind das Folksongs. "Er wollte, dass seine Lieder klingen, als hätte man sie schon immer gesungen", bestätigt Nora Guthrie den Ansatz ihres Vaters, der somit aufgegangen ist.

Die Kehrseite davon ist, dass viele den Autor nicht kennen und somit auch nicht seine weiteren Lieder, Texte und Zeichnungen. Davon gibt es mehr, als selbst eingeschworene Folkniks bis vor kurzem ahnten. "Einmal nahm Woody in drei Tagen 128 Songs bei Moses Asch (Folkways Records) auf." Live mit Gitarre und Gesang, den Text am Mikroständer befestigt, in einem Durchlauf. Heute würde man das als Demo-Aufnahmen bezeichnen. Dazu kommen 3.000 Texte, die im Guthrie-Archiv in New York lagern, weder mit Noten noch mit Akkorden versehen: "Die Musik hatte Woody im Kopf."

Darunter findet sich Erstaunliches, sensible Liebeslieder, Kinderlieder, Songs über die Großstadt, die nicht unbedingt in das Bild des Landarbeiter-Chronisten passen. Noras Ehemann, der deutsche Journalist Michael Kleff, zitiert in seinem Nachwort zur Neuauflage der Autobiographie "Bound for Glory" ("Dies Land ist mein Land", Nautilus 2001) als Beispiel einen erotisch geprägten Text, in dem die bekannte Methode des "double talking" eingesetzt wird: "Ingrid Bergman, you're so perty / you'd make any mountain quiver / you'd make fire fly from the crater / Ingrid Bergman."

Die Festlegung auf den - zweifellos wichtigen - politisch engagierten Teil des Œvres hat ihre Ursache zum guten Teil in der Ablehnung, die ihm sein Leben mit den Verlierern der unbegrenzten Freiheit und seine entsprechenden Beschreibungen einbrachten. Wer präzise Zeilen wie "Some will rob you with a six-gun, / some with a fountain pen" ("Pretty Boy Floyd") formuliert und gar noch bei Streiks aufspielt, gilt in den USA leicht als "Kommunist". Das ist bis heute so, wie Nora anlässlich der Verhandlungen über eine Wanderausstellung feststellen konnte. Umso erfreulicher ist es, dass ausgerechnet Billy Bragg, der einzige internationale Star, der sich dezidiert als linker Künstler versteht, damit begann, den anderen Woody Guthrie vorzustellen: Auf "Mermaid Avenue" (1998) und "Mermaid Avenue II" (2000) finden sich nicht nur überraschende Lieder, sondern ebenso verblüffende Instrumentierungen und Arrangements. Folgen soll ein Album mit Gedichten, die "Lou Reed, Patti Smith, Rubèn Blades und Ani DiFranco vertont haben. Sicherlich nicht Folk", sagt Nora, die bereits einige Aufnahmen kennt. Ani DiFranco lieferte bereits für den Tribute-Konzert-Mitschnitt "'till we outnumber 'em . . ." eine faszinierende, zeitgenössische Version von "Do Re Mi" ab. Was bei Woody die kollektive Erfahrung seines Publikums spiegelte - ohne Geld bist du auch im schönen Kalifornien nicht willkommen -, wird bei DiFranco zum dramatisch gebrochenen Bericht über Flüchtlinge, effektvoll untermalt von einer perkussiv eingesetzten Gitarre.

Praktisch unbekannt sind auch die Lieder, die Woody unter dem Einfluss seiner jüdischen Großmutter Aliza Greenblatt und von Moses Asch verfasst hat. Ein entsprechendes Album der Klezmatics ist in Vorbereitung.

Nora Guthrie würde das Archiv, das dicht gedrängt "auf gerade zwanzig Quadratmetern" untergebracht ist, lieber heute als morgen zu einem Ort der Begegnung machen, "für Musiker, für Wissenschaftler, aber vor allem für alle, die sich für Woodys Werke interessieren". Bis das "living archive" realisiert wird, kann man die Website besuchen, auf der laufend interessante Dokumente zur Verfügung gestellt werden.

Links

Woody Guthrie Foundation

Woody Guthrie Folk Festival

Folkways Recordings

Gerald Jatzek, Wiener Zeitung, 20. Juli 2001