Wienerisch - das andere Deutsch (Buchauszug)

Raunzn und Dulliöh - Stimmungen

Der Wiener geht davon aus, daß die Welt schlecht ist und jede Aktivität alles nur noch schlimmer macht. Diese Haltung, Grant genannt, hat etwas Buddhistisches an sich. Dem entspricht das Raunzn, eine Art von plappernder Nörgelmedidation, über die Fehler Gottes und der Welt. Die beliebtesten Themen sind de Monna, de Weiba, de Vabrecha in da Politik, da Fuaßboi und des Schifoan. Dabei gilt das Prinzip: Jeder raunzt für sich alleine. Auch in Gruppen dienen die Beschwerden des einzelnen nur als Startsignal zu einer allgemeinen Raunzerei, bei der jeder mit weinerlicher Überzeugung sein eigenes Schicksal als das schwerste von allen darstellt. Gelungene Raunztiraden erinnern an Rap-Nummern, die mit halber Geschwindigkeit abgespielt werden.

Dem Zustand der Inaktivität und seinen Ursachen ist ein reiches Vokabular gewidmet:

ångfressen, ångspeist, ånpapperlt: alles bzw. etwas Spezielles satt haben

a fades Aug håbn: sich langweilen

bedient sein: körperlich oder geistig nicht auf der Höhe

betropezt sein: betrübt

auf da Dackn liegn: am Boden zerstört sein

dasig: leicht verwirrt oder schwindlig

knotzn: apathisch herumsitzen; die Steigerung ist: knotzn wiara stinkats Gsöchts: herumsitzen wie ein Stück verdorberner Kassler

matsch: sehr müde, zerschlagen

måtschkern: kaum vernehmbar fluchen, vor allem auf anwesende Autoritäten; auch: sich aufregen

pomali oder schön pomali: immer mit der Ruhe!

powidl: Was den Wiener nicht interessiert, ist ihm powidl

åm Sånd sein: keineswegs die Beschreibung einer infantilen Phase, sondern ein Hinweis auf eine ausgewachsene Depression

nebn de Schuach gehn: am Ende sein

sudan: in verbalem Selbstmitleid ertrinken

tramhappert: schlaftrunken, zerstreut

ummadumlanan: untätig herumlungern

wurscht: egal; dem Wiener ist grundsätzlich alles wurscht mit Ausnahme seines Hundes. Dem Hund ist vor allem die Parkordnung wurscht.

zsåmmprackt: deprimiert sein

Aufgrund des reichen Wortschatzes kann der Wiener das Verb "weinen" so konjugieren:
"I blaz, du rerst, er häult, mir wanan, es flennts, sie plern"

Zum Unterschied vom Bundesdeutschen läuft der Wiener nirgends hin. Bestenfalls hatscht (schleppend gehen) oder latscht (schlurfen) er. Wenn er kräut (von: kriechen), dann meist, weil ein Weg nicht zu vermeiden ist: I muaß aufs Finanzåmt kräun.

Es verwundert wohl nicht, daß der Wiener oft im Wiglwogl (unentschlossen) ist, wenn man ihn aus seiner Lethargie reißt und Entscheidungen verlangt. Ein Zitat aus einem Sketch von Carl Merz und Helmut Qualtinger mag das belegen:

FREUND: Was, Travnicek, glauben Sie, weswegen Sie zur Wahl gehen?
TRAVNICEK: Weil i an Zettel krieg?
FREUND: Nein! Der Politiker braucht den Kontakt mit dem Volke. Durch diesen Zettel erfährt er, was Sie als Wähler von ihm halten.
TRAVNICEK: Des kann i auf'n Zettel aufschreiben?
FREUND: Nein, dann ist er ungültig!

Auch sollte man den Wiener nicht zu sehr reizen, sonst vergißt er am Ende sein Phlegma und kriegt an Murdstrumm Gachn (einen Riesenzorn) und es kann zu einem Wickl oder Kelch kommen. Zumindest entsteht ein Ballawatsch (Wirrwarr), der einen Bahöö (lautstarken Aufruhr) zur Folge hat.

jemånd åfäun: auf den Geist gehen

fäun: sehr schlecht gelaunt sein

fäun auf: jemanden oder etwas als Geißel der Menschheit betrachten. Zur Vermeidung ernsthafter Konflikte wird dabei im Normalfall über Abwesende gesprochen. I fäu aufn Frånz läßt den Schluß zu, daß sich selbiger nicht im Raum befindet.

gfäut: minderwertige Sache oder unangenehmes Ereignis: a gfäute Geschicht

mia geht des Gimpfte auf: Grad der Erregung, bei dem der Zorn die Impfnarben aufsprengt

haß rennen: rascher innerer Temperaturanstieg

an Pick håbn auf: den pique (frz. Spieß) legt man wohl auf jemanden an, den man auch treffen will!

si wås vakiefln: etwas nicht aussprechen, zumeist, weil man sich in der unterlegenen/ untergebenen Position befindet

Manchmal ist der Wiener freilich auch guat drauf. Dann lacht und scherzt er, macht sich also einen Karl oder eine Gaudi (einen Spaß) - und singt über den Tod:

Ein Mensch, der einen Åffn håt,
is meistns kreuzfidö;
drum gibt's auch in da Wienerstådt
fast immer an Bahöö.
Bei mir is des gråd umgekehrt,
direkt katastrophal,
wann mir a Räuscherl s Herz beschwertwerd i sentimental!

Dånn fålln mir d'Pompfinebra ein,
ich seufz in mich hinein:
I brauch kan Pflanz, i brauch kan Glanz,
i brauch ka schäne Leich.
I komm a ohne Kranz
genausoguat ins Himmlreich.

(Text: Karl Leibinger)

an Åffn håbn: beschwipst sein

Dulliöh, der: wundersame Schräglage nach einigen _ Vierteln,in welcher sich der Wiener pudelwohl, unverwundbar und stark fühlt.

Juchaza, der: akustisch vermittelte unbegründete Gefühlsaufwallung, die in etwa dem Jodler des Älplers entspricht

leiwand: Keine reflektierende Fläche, sondern das höchste Kompliment, das in Wien vergeben wird. Sind damit mehrere Menschen gemeint, handelt es sich um eine leiwande Partie. Die Steigerung ist urleiwand.

Mulatschak, der: nächtliche Umtriebe, die mit einem Besäufnis, unter Umständen auch mit einer Geschlechtskrankheit enden

Remasuri, die: ausgelassene Feierlichkeit, bei der "wås los is": eine Hochzeit, ein Brückeneinsturz etc.

in da Wön: die Welle, in der sich die so charakterisierte Person befindet, wurde zumeist durch den Genuß von Alkohol oder Haschisch hervorgerufen. Der Schritt ist dem hohen Seegang entsprechend.

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